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Ernst Ludwig Kirchner, Ohne Titel (Szene aus einem Varietétheater) , um 1910/11

Blei­stift auf Papier, 16,5 x 20,6 cm

Ein tan­zen­des Paar – die Frau wen­det uns den Rücken zu, wäh­rend wir ihren Tanz­part­ner gera­de noch von der Sei­te wahr­neh­men kön­nen. Ein Herr ist soeben dabei, sei­nen Sitz­platz zu ver­las­sen. Wird er den nächs­ten Tanz mit der schwung­vol­len Dans­eu­se bestreiten? 

Die Tan­zen­den bil­den den dezen­tra­len Fokus der Zeich­nung. Sie sind Teil einer bipo­la­ren Kom­po­si­ti­on, deren zwei­ter Part der Mann im Bild­hin­ter­grund bil­det. Alle drei Figu­ren sind an der Kom­po­si­ti­ons­li­nie einer von links oben nach rechts unten abfal­len­den Dia­go­na­le ange­ord­net. Das unglei­che Kräf­te­ver­hält­nis, wonach eine ein­zel­ne Figur einem Figu­ren­paar gegen­über­ge­stellt ist, erhöht die Span­nung im Bild. Die dezen­tra­le Anord­nung der Tan­zen­den stei­gert den Ein­druck des Moment­haf­ten, des kur­zen fest­ge­hal­te­nen Augenblicks.

Die Lini­en sind kraft­voll, kan­tig, rasch aufs Papier gesetzt.1 Bin­nen­zeich­nun­gen sind kaum vor­han­den. In viru­len­tem Strich aus­ge­führ­te, keil­ar­ti­ge Lini­en­gefü­ge fin­den sich an allen drei Figu­ren und ver­span­nen somit Bild­vor­der- und ‑hin­ter­grund. Die par­al­lel geführ­ten, sich gegen­sei­tig ver­stär­ken­den Stri­ch­la­gen brin­gen die krei­sen­de Bewe­gung des tan­zen­den Paa­res beson­ders gut zum Aus­druck. Die Räum­lich­keit wird ledig­lich durch ein paar Stri­che ange­deu­tet. Der Grad der Aus­füh­rung der Zeich­nung ent­spricht daher sum­ma sum­ma­rum dem Cha­rak­ter einer Skiz­ze. Für Kirch­ner waren die­se nicht in jedem Fall als Vor­stu­di­en für Gemäl­de gedacht. Die Skiz­ze hat­te für ihn viel­mehr den Stel­len­wert einer allgemeine[n] Stu­die und Inspi­ra­ti­ons­quel­le.“2 Kirch­ner beton­te mehr­mals, er müs­se zeich­nen bis zur Rase­rei.“3 In sei­nen Zeich­nun­gen ging es nicht um das genaue, aka­de­misch-prä­zi­se Abzeich­nen nach der Natur, son­dern um das schnel­le Erfas­sen der Kom­po­si­ti­on ohne Ein­zel­hei­ten“4. Der Künst­ler gelang­te dadurch zu einem redu­zier­ten Zei­chen­stil, der – ent­spre­chend den Anre­gun­gen aus dem Dresd­ner Völ­ker­kun­de­mu­se­um – die Kunst zu einer neu­en Ursprüng­lich­keit zurück­füh­ren soll­te. 1910 hat­te Kirch­ner die ers­te Stu­fe sei­ner Meis­ter­schaft erreicht,“5 weist die Lei­te­rin des Ber­li­ner Brü­cke-Muse­ums und Exper­tin für die Künst­ler der Künst­ler­ver­ei­ni­gung Die Brü­cke, Mag­da­le­na M. Möl­ler hin. Möl­ler: Das skiz­zen­haf­te Impro­vi­sie­ren führt Kirch­ner unmit­tel­bar zur Erfin­dung von Bild­zei­chen, von sum­ma­ri­schen Strich­ge­bil­den, wie er ins­ge­samt zu immer schrof­fe­ren For­men vor­stößt, so daß er von sei­nem wei­chen Stil zum har­ten Stil gelangt.“6 Die kan­ti­gen Lini­en, die unser Skiz­zen­blatt kenn­zeich­nen, sind bei­spiel­haft für den har­ten Stil und deu­ten somit auf ein Ent­ste­hungs­jahr ab 1910 hin.

Das gra­fi­sche Blatt ent­stammt einem Skiz­zen­buch Kirch­ners, das sich heu­te zu gro­ßen Tei­len in den Staat­li­chen Muse­en in Kas­sel befin­det.7 Die abge­run­de­ten Ecken und der erkenn­ba­re Rot­schnitt sind ein ein­deu­ti­ges Indiz dafür. Die­ses Skiz­zen­buch gehör­te der Schwei­ze­rin Lise Gujer (1897 – 1967), die meh­re­re Tep­pi­che nach Moti­ven Kirch­ners anfer­tig­te.8 Gujer besaß meh­re­re Skiz­zen­bü­cher Kirch­ners. Man­che erwarb sie direkt von Kirch­ner, ande­re erhielt sie nach dem Tode von Kirch­ners Lebens­ge­fähr­tin Erna Schil­ling im Jahr 1945. Das für die Lentos-Zeich­nung rele­van­te Skiz­zen­buch bestand aus meh­re­ren Dop­pel­blät­tern, die mit zwei Metall­klam­mern zusam­men­ge­hef­tet waren. Wie Grö­ßen­ver­glei­che erken­nen las­sen, wur­de unse­re Zeich­nung aus dem Skiz­zen­buch her­aus­ge­schnit­ten und ver­mut­lich dadurch von ande­ren Dar­stel­lun­gen abge­trennt. So ist es auch zu erklä­ren, dass der Kopf des Man­nes im Bild­hin­ter­grund etwas zu knapp an den obe­ren Bild­rand gerückt scheint. Er scheint den Rah­men bei­na­he zu spren­gen. Das Skiz­zen­buch ent­stand in meh­re­ren zeit­li­chen Teil­ab­schnit­ten zwi­schen 1910/11, 1916/17 und 1920.9 Ent­spre­chend der inhalt­li­chen Vor­ga­be, des cha­rak­te­ris­ti­schen Duk­tus sowie der Aus­füh­rung in Blei­stift dürf­te sich unse­re Zeich­nung im um 1910/11 aus­ge­führ­ten Teil befun­den haben. Die­ser zeigt auf ande­ren Blät­tern eben­falls mit Blei­stift gezeich­ne­te Tän­ze­rin­nen. Wie die Kunst­his­to­ri­ke­rin und jet­zi­ge Direk­to­rin des Kunst­fo­rums Ost­deut­sche Gale­rie Regens­burg Agnes Tie­ze erläu­tert, dürf­te die beson­ders küh­ne Lini­en­füh­rung der Skiz­zen­blät­ter den moder­nen Aus­drucks- und Varie­té­tanz des frü­hen 20. Jahr­hun­derts wie­der­ge­ben.6

Nach sei­ner Über­sied­lung nach Ber­lin im Jahr 1911 inter­es­sier­te sich Ernst Lud­wig Kirch­ner für The­men der Groß­stadt. So ent­stan­den unter ande­rem Zeich­nun­gen mit Stadt­an­sich­ten und Stra­ßen­zü­gen. Varie­té und Zir­kus erwei­ter­ten das For­men­re­per­toire des Künst­lers. Die Skiz­ze im Besitz des Lentos ver­sprüht das Flair der Spree­me­tro­po­le. Die Mode ist mon­dän und etwas fri­vol. Die Zeit ist schnell­le­big gewor­den. Auf Amü­se­ment und Dis­trac­tion wird gro­ßen Wert gelegt, als woll­te man die ent­beh­rungs­rei­che Zeit der her­an­na­hen­de Welt­krie­ge schon im Vor­feld kompensieren.

Im Kata­log der Docu­men­ta III bezeich­net Wer­ner Haft­mann Ernst Lud­wig Kirch­ner als den größ­ten Zeich­ner des deut­schen Expres­sio­nis­mus.“10 Dies bekräf­tigt Mag­da­le­na M. Moel­ler, wenn sie fest­stellt: Kein ande­rer Künst­ler sei­ner Zeit hat so inten­siv gezeich­net wie Ernst Lud­wig Kirch­ner. Von kei­nem wird Kirch­ner an Erfin­dungs­reich­tum, For­men­viel­falt und Aus­drucks­kraft über­trof­fen.“11

Bio­gra­fie

1880:

wird Ernst Lud­wig Kirch­ner in Aschaf­fen­burg geboren

1901 – 1904:

Archi­tek­tur­stu­di­um in Dres­den. Freund­schaft mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff

1905:

7. Juni: Grün­dung der Künst­ler­ge­mein­schaft Die Brü­cke

1906:

Begeg­nung mit Emil Nolde

1909:

mit Otto Pech­stein, Erich Heckel und dem Modell Frän­zi Fehr­mann an den Moritz­bur­ger Teichen

1910:

lernt Otto Mül­ler kennen

1911:

Umzug nach Ber­lin. Nach 4 Aus­stel­lun­gen der Brü­cke in der Neu­en Sezes­si­on in der Gale­rie Macht in Ber­lin in den Jah­ren 1910 und 1911 folg­te die ent­schei­den­de Aus­stel­lung im April 1912 in der Gale­rie Gur­litt mit Bil­dern von Ernst Lud­wig Kirch­ner, Karl Schmidt-Rottluff und Otto Mueller

1912:

Begeg­nung mit Edvard Munch

1913:

Auf­lö­sung der Brü­cke

1915:

Rekrut. Mili­tär­zeit. Nach Zusam­men­bruch und Ent­las­sung Sanatoriumsaufenthalt

1916:

Wand­ma­le­rei im Brun­nen­raum des Sana­to­ri­ums in Königs­stein am Taunus

1917:

Rei­se nach Davos. Van de Vel­de ver­mit­telt ihm einen Sana­to­ri­um­s­auf­ent­halt in Kreuzlingen

1918:

lernt Nele van de Vel­de ken­nen und bezieht das Haus In den Lär­chen in Frauenkirch

1918 – 1938:

Auf­ent­halt in Davos

1919:

Beginn der Arbeit am Davo­ser Tagebuch

1920:

Nele van de Vel­de arbei­tet mit Kirchner

1921:

die Tän­ze­rin Nina Hart ist im Som­mer sein Modell

1926:

Deutsch­lands­rei­se, besucht Frän­zi Fehr­mann in Dresden

1927:

Auf­trag für Wand­ma­le­rei­en im Muse­um Folk­wang in Dresden

1931:

Mit­glied der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Berlin

1932:

Besuch des Arz­tes und Schrift­stel­lers Alfred Döblin bei Kirchner

1933:

Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Bern

1934:

lernt Oskar Schlem­mer und Paul Klee kennen

1936:

Reli­ef für das Schul­haus in Frauenkirch

1937:

639 Wer­ke Kirch­ners wer­den von den Nazis als ent­ar­tet beschlag­nahmt.

1938:

15 Juni: Frei­tod Kirchners

Pro­ve­ni­enz

Die Zeich­nung stammt ursprüng­lich aus dem Nach­lass Lise Gujer. Sie wur­de im Juni 1985 von einer Bon­ner Gale­rie erworben.

Ver­wen­de­te Literatur

Ernst Lud­wig Kirch­ner. Doku­men­te. Fotos, Schrif­ten, Brie­fe, gesam­melt und aus­ge­wählt von Karl­heinz Gab­ler. Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Muse­ums der Stadt Aschaf­fen­burg. Aschaf­fen­burg 1980

In Momen­ten größ­ten Rau­sches“. Ernst Lud­wig Kirch­ner. Zeich­nun­gen, Druck­gra­phik. Der Bestand der Gra­phi­schen Samm­lung der Staat­li­chen Muse­en Kas­sel (= Kata­lo­ge der Staat­li­chen Muse­en Kas­sel, Bd. 27). Kas­sel 2002

Moel­ler Mag­da­le­na M.: Ernst Lud­wig Kirch­ner. Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le. Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Brü­cke Muse­ums Ber­lin u.a. Mün­chen 1993

  1. Tietze, Agnes: Kat. Nr. 63. „In Momenten größten Rausches“. Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen, Druckgraphik. Der Bestand der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kassel (= Kataloge der Staatlichen Museen Kassel, Bd. 27). Kassel 2002, S. 178ff.
  2. zit. nach: Thiele, Carmela: Schnellkurs Zeichnung. Köln 2006, S. 153.
  3. Moeller Magdalena M.: Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen und Aquarelle München 1993Moeller Magdalena M.: Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen und Aquarelle München 1993, S. 10.
  4. ebd., S. 11.
  5. ebd.
  6. wie Anm. 1.
  7. Vgl. E. L. Kirchner. Dokumente. Fotos, Schriften, Briefe, gesammelt und ausgewählt von Karlheinz Gabler. Ausstellungskatalog des Museums der Stadt Aschaffenburg. Aschaffenburg 1980, S. 237 und „In Momenten größten Rausches“. Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen, Druckgraphik. Der Bestand der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kassel (= Kataloge der Staatlichen Museen Kassel, Bd. 27). Kassel 2002, S. 178: Der Schriftsteller Jakob Bosshart brachte 1922 die gebürtige Züricherin Lise Gujer mit Kirchner in Verbindung. Ursprünglich hatte sie ein Sanatorium in Davos geleitet. Durch eine Fußverletzung konnte sie ihren ursprünglichen Beruf nicht mehr ausüben und wurde Weberin. Bis zu ihrem Tod hat Gujer 28 Werke Kirchners in Wirkteppiche umgesetzt.
  8. Vgl. Tietze, Agnes: Kat. Nr. 63, in: „In Momenten größten Rausches“. Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen, Druckgraphik. Der Bestand der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kassel (= Kataloge der Staatlichen Museen Kassel, Bd. 27). Kassel 2002, S. 178ff.: Einige Bögen befinden sich im Bestand der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kassel. Die vorangehenden Bögen (Folio 1-5) zeigen Tänzerinnen in verschiedenen Bewegungsmotiven, Folio 6,7 und 16 Mann und Frau im Gespräch, eine Drechselbank und einen sitzenden Mann, 8-15 zeigen Figurenstudien die in blauer Farbe ausgeführt wurden.
  9. Ausstellungskatalog der Documenta III. Handzeichnungen. Kassel 1964. o. S.
  10. Moeller Magdalena M.: Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen und Aquarelle München 1993, S. 9.

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