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Roman Scheidl, Summen, Nr. 1 , 1993

Alko­holfar­ben und Tusche auf Papier, Schen­kung Fritz Buser, Sissach, 2016

Roman Scheidl zeich­net seit sei­nem 12. Lebens­jahr. Er hat vie­le Rei­sen unter­nom­men und frem­de Kul­tu­ren ken­nen­ge­lernt. Seit vie­len Jahr­zehn­ten befasst er sich inten­siv mit der Tusch­pin­sel­zeich­nung, die zusätz­lich noch aqua­rel­liert wird. Der Künst­ler ver­wen­det dafür Alko­holfar­ben, die er eigens anfer­ti­gen lässt. Das cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­mal alko­hol­hal­ti­ger Far­ben ist, dass sie tief ins Papier ein­drin­gen und auch auf der Rück­sei­te des Blat­tes eine kräf­ti­ge Fär­bung zei­gen. Die ent­ste­hen­den Zeich­nun­gen wer­den Alkorel­le genannt.

Das vor­lie­gen­de Alkorell mit dem Titel Sum­men, Nr. 1 ist Teil einer grö­ße­ren Serie. In der lin­ken Bild­hälf­te sehen wir eine Tän­ze­rin mit einem gro­ßen Hut, die im Raum zu schwe­ben scheint. Ihr fol­gen drei Tän­zer mit syn­chro­ner Kör­per­hal­tung. Auch sie haben in ihren Bewe­gun­gen den Boden ver­las­sen. Bei nähe­rer Betrach­tung erweist sich die Figu­ren­kom­po­si­ti­on als Pro­jek­ti­on auf eine ver­ti­kal geknick­te senk­rech­te Bild­flä­che, die einem auf­ge­stell­ten Para­vent nicht unähn­lich ist. Der flie­ßen­de Duk­tus der Dar­stel­lung zeugt von gro­ßer Spon­ta­nei­tät, wie wir sie auch in Zeich­nun­gen des Infor­mel wie­der­fin­den. Auch Roman Scheidls Affi­ni­tät zur japa­ni­schen Kal­li­gra­fie lässt sich aus die­ser Zeich­nung gut ablesen.

Die mit Sum­men beti­tel­te Serie von Zeich­nun­gen, aus der die­ses Blatt stammt, ist in Zusam­men­hang mit dem Pro­jekt Ein Sum­men im Gar­ten – einem Tanz­stück von Bet­ti­na Niso­li (1953 – 1996) – ent­stan­den. Die Schwei­zer Tän­ze­rin und Cho­reo­gra­fin grün­de­te 1987 das Niso­li-Tanz­ensem­ble, das 1990 in TAMA­MU (Tanz, Male­rei, Musik) umbe­nannt wur­de. Zwi­schen dem 21. und 25. Sep­tem­ber 1993 wur­de Ein Sum­men im Gar­ten – Tanz­stück von Bet­ti­na Niso­li auf der neu­en Stu­dio­büh­ne des Max-Rein­hardt-Semi­nars in Wien aufgeführt.

Wäh­rend der TAMA­MU-Ver­an­stal­tun­gen zeich­ne­te Roman Scheidl live auf Foli­en. Sie wur­den par­al­lel zu Niso­lis Tanz an die Wand pro­ji­ziert. Das Blow-up der Zeich­nun­gen wur­de für die Tan­zen­den und das Publi­kum zum raum­grei­fen­den Ambi­en­te. Der Tanz ani­mier­te die Zeich­nun­gen und die Zeich­nun­gen ihrer­seits inspi­rier­ten den Tanz. Die bil­den­de Kunst wur­de dadurch zu einem kon­ge­nia­len Part­ner der Darstellenden.

Roman Scheidl berich­tet über den Ablauf: „[…] Ein Sum­men im Gar­ten, da habe ich in der Mit­te des Stü­ckes alles gezeich­net, was vom Anfang bis zur Mit­te zu sehen war; alles zehn­mal schnel­ler als das Stück. Da wuss­te jeder Zuschau­er, ah, das war vor­her und das war vor­her und das war vor­her. In der Zwi­schen­zeit ist aber das Tanz­stück wei­ter­ge­gan­gen, und ich habe dann noch einen Aus­blick bis zum Schluss des Stücks vor­ge­zeich­net. Man konn­te also schon sehen, wohin sich das Stück ent­wi­ckeln wür­de. Das war zum Bei­spiel auch ein span­nen­des Kon­zept.“1


Wie man sich gut vor­stel­len kann, waren die TAMA­MU-Ver­an­stal­tun­gen von gro­ßer Spon­ta­nei­tät und Ästhe­tik getra­gen. Die Leich­tig­keit des Tan­zes for­der­te Roman Scheidl zu raschem Zeich­nen her­aus und beflü­gel­te ihn. Er ging in die­ser künst­le­ri­schen Betä­ti­gung förm­lich auf. Sich selbst beob­ach­tend schrieb er: Auf ein Zei­chen hin beginnt der Pin­sel sein Spiel und mit Stau­nen sieht der Zeich­ner sei­ner eige­nen Hand zu. Im Licht der Schein­wer­fer erlebt er, wie sich sei­ne Per­sön­lich­keit auf­löst, wäh­rend der Pin­sel zu tan­zen beginnt.“2 Der für die Betrach­ten­den live mit­er­leb­ba­re Schöp­fungs­pro­zess der Tanz- und Zei­chen­per­for­mance ent­fal­te­te eine unge­mein poe­ti­sche Wirkung.


Die Live-Licht­zeich­nun­gen ent­stan­den dem­nach im Rhyth­mus des Tan­zes und waren genau­so ephe­mer wie die­ser. Scheidl kur­bel­te zunächst die Foli­en mit einer Hand über den Licht­tisch des Over­head­pro­jek­tors, wäh­rend die ande­re Hand mit dem Tusch­pin­sel auf dem trans­pa­ren­ten Bild­trä­ger zeich­ne­te. Spä­ter ließ er sich einen Motor in das Gerät ein­bau­en, der die Foli­en zog. Die Far­be hat­te dabei kei­ne Zeit zum Trock­nen. Die Kon­se­quenz war, dass die Foli­en ver­kleb­ten und daher nicht erhal­ten wer­den konn­ten. Die Alkorell­zeich­nun­gen der Serie Sum­men, wie sie sich auch im Bestand des Lentos befin­den, fer­tig­te Roman Scheidl daher zusätz­lich auf Papier an. Sie sind sozu­sa­gen als Bild­frag­men­te dem end­los dahin­flie­ßen­den Strom der Live-Licht­zeich­nun­gen auf Foli­en ent­nom­men – Kunst­wer­ke, die als Essenz aus den Tanz- und Zei­chen­per­for­man­ces her­vor­ge­gan­gen sind. Oder sie waren eine Art von Par­ti­tur, denn alle Büh­nen­zeich­nun­gen waren stets mit Par­ti­tu­ren vor­be­rei­tet wor­den, nach denen der Zeich­ner dann wie ein Musi­ker nach Zei­chen­no­ten spie­len konnte.


TAMA­MU kann als Gesamt­kunst­werk auf der Büh­ne ver­stan­den wer­den, da Roman Scheidl auch für die Kulis­sen und das Design der Kos­tü­me sorg­te. Gemein­sam mit dem Schwei­zer Felix Vog­ler pro­du­zier­te Scheidl auch vie­le Kera­mi­ken. Der empa­thi­sche Wie­ner Künst­ler denkt in sei­nem Schaf­fen inten­siv über eine Ver­schmel­zung von Kunst und Leben nach. Welch hohen Stel­len­wert das künst­le­ri­sche Schaf­fen in sei­nem Leben ein­nimmt, belegt Scheidls phi­lo­so­phi­scher Ansatz: Bil­der sind immer stär­ker als die Rea­li­tät. Sie sind die Schat­ten der Visio­nen, die die See­le ins Dies­seits wirft, der Schritt aus der Welt, den man zumin­dest ein­mal täg­lich machen soll­te, um sich für Augen­bli­cke als wir­beln­des Teil­chen, als Gefan­ge­ner einer Schein­rea­li­tät zu erfah­ren.“3 Man könn­te sagen, dass Scheidls Kunst zum Aus­drucks­trä­ger für etwas gewor­den ist, das sich der ver­ba­len Beschrei­bung ent­zieht. Viel­leicht ver­mag er mit sei­nen sen­si­blen Wer­ken jene fei­ne Mem­bran zu berüh­ren, die das Sicht­ba­re vom Unsicht­ba­ren trennt? TAMA­MU-Dar­bie­tun­gen wie bei­spiels­wei­se Sum­men im Gar­ten waren ver­mut­lich dazu befä­higt, die Welt für Momen­te durch­sich­ti­ger und tie­fer“4 zu machen.

Pro­ve­ni­enz

Vor­lie­gen­des Blatt kam durch die Schen­kung Fritz Buser in den Besitz des Lentos Kunst­mu­se­um Linz.

Bio­gra­fie

geb. 1949 in Leo­polds­dorf, Nie­der­ös­ter­reich
lebt in Wien


1970 – 1975:

Besuch der Meis­ter­klas­se für Gra­fik an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te in Wien bei Maxi­mi­li­an Melcher

1975, 1983:

Ein­zel­aus­stel­lun­gen in der Alber­ti­na, Wien

1975 – 1981:

Rei­sen nach Paris und New York

1981:

Ent­wick­lung der für Scheidl cha­rak­te­ris­ti­schen Pinselzeichnung

1981 – 1986:

län­ge­re Auf­ent­hal­te in Skan­di­na­vi­en, Ita­li­en, der Schweiz, Paris und New York, stets beglei­tet von Aus­stel­lun­gen und Tanztheaterproduktionen

1985 – 1995:

Zusam­men­ar­beit mit dem Niso­li-Tanz­ensem­ble, Ent­wick­lung der Live-Licht­zeich­nung auf der Büh­ne, Performances

1987:

Aus­stel­lung im Frau­en­bad, Baden bei Wien

1990:

Grün­dung von TAMA­MU (Tanz, Male­rei, Musik – Ver­ein zur För­de­rung mul­ti­me­dia­ler Bühnenkunst)

1993:

Aus­stel­lung Roman Scheidl. Aqua­rel­le und Zeich­nun­gen 1982 – 1993 in der Neu­en Gale­rie der Stadt Linz

1996:

Serie Dop­pel­bil­der

1997:

Brand im Ate­lier in Wien. Serie Unter­was­ser­bil­der
Grün­dung eines neu­en Per­for­mance­thea­ters zusam­men mit der Male­rin und Bio­lo­gin Katha­ri­na Puschnig

1998:

Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Krems

1999:

Aus­stel­lung in der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek, Wien

2000:

Aus­stel­lung in der Gal­le­ri Futu­ra, Stockholm

2002:

Aus­stel­lung in der Gale­rie Welz, Salz­burg, und im Haus der Kunst, Graz. Prä­sen­ta­tio­nen und Per­for­man­ces in Wien, Linz, Salz­burg, Graz, Zürich, Stock­holm, Bre­genz, Win­ter­thur anläss­lich der Her­aus­ga­be des Buches Pin­sel­schrif­ten (Biblio­thek der Provinz)

2003:

ers­te gro­ße Japan­rei­se mit einer Aus­stel­lung in Tokyo

2003:

Aus­stel­lun­gen in der Gal­le­ry éf, Tokyo, im NÖ Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum für moder­ne Kunst, St. Pöl­ten, in der Gale­rie 3, Kla­gen­furt, in der Gale­rie Con­ta­ct, Wien, und in der Gal­le­ri Futu­ra, Stockholm

2003:

Grün­dung des TAMA­MU-Cafés zusam­men mit Katha­ri­na Puschnig

2003:

TAMA­MU-Café im Lentos Kunst­mu­se­um Linz, wei­te­re Aus­stel­lun­gen in Wien, Salz­burg, Graz, Zürich und Stockholm

2005:

Japan­tour­nee mit dem TAMA­MU-Ensem­ble und japa­ni­schen Mitwirkenden

2005 – 2014:

Zei­chen­fil­me für ORF BR alpha zusam­men mit Katha­ri­na Pusch­nig und Gerald Frey

2007:

Aus­stel­lung Welt-Bil­der im Kubin-Haus, Zwickledt

2009:

Mit­be­grün­dung der Künst­ler­ge­mein­schaft Die Lepo­ris­ten

2009:

Live-Zeich­nun­gen zu Som­mer­nachts­traum von Men­dels­sohn-Bar­thol­dy mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern im Gro­ßen Saal des Wie­ner Konzerthauses

2010:

Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung You will never know what will hap­pen next im Lentos Kunst­mu­se­um Linz

2010:

Mit­be­gründ­un­der Künst­ler­ge­mein­schaft Die Cel­le

2011:

Aus­stel­lung im Muse­um Lia­u­nig, Neuhaus

2013:

Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung Japan – die Fra­gi­li­tät des Daseins im Leo­pold-Muse­um, Wien

2017:

Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung Psy­cho Drawing – Art brut und die 60er und 70er in Öster­reich im Lentos Kunst­mu­se­um Linz

Ver­wen­de­te Literatur

Roman Scheidl. Der tan­zen­de Pin­sel, Salz­burg 1993.

Peter Baum, Roman Scheidl. Aqua­rel­le und Zeich­nun­gen. 1982 – 1993, Aus­stel­lungs­ka­ta­log, Neue Gale­rie der Stadt Linz, Linz 1993.

Roman Scheidl, brush­stroke – Pin­sel­schrif­ten, hg. v. Richard Pils, Wei­tra 2002.

Roman Scheidl, Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Male­rei, hg. v. Richard Pils, Wei­tra 2017. 

  1. Roman Scheidl, brushstroke – Pinselschriften, hg. v. Richard Pils, Weitra 2002, S. 250.
  2. Ebd., S. 10.
  3. Ebd., S. 109.
  4. Ebd., S. 108.

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