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Elfriede Trautner, Das Mal , 1970

Kalt­na­del­ra­die­rung auf Büt­ten­pa­pier, 28,5 × 44,4 cm (24,8 × 32,5 cm)

Lentos Kunst­mu­se­um, Inv.-Nr. G 2456, Erwor­ben im Dezem­ber 1974

Ein Bezie­hungs­dra­ma ent­hüllt sich vor unse­ren Augen. Der auf­ge­schlitz­te Man­tel einer Frau mitt­le­ren Alters ent­blößt ihre nack­ten Brüs­te, was sie sehr ver­letz­bar macht. Unter dem Man­tel ist sie völ­lig unbe­klei­det. Ihren Blick, aus dem die Ver­zweif­lung eines ver­geb­li­chen Geschlech­ter­kamp­fes spricht, rich­tet sie starr auf die geball­te Faust ihres Part­ners. Wer ist der Mann an ihrer Sei­te? Ihr Vater, ihr Lebens­ge­fähr­te, eine ver­lo­re­ne Lie­be? Sein Gesicht ist mit einem gro­ßen X sym­bo­lisch aus­ra­diert. Sei­ne Iden­ti­tät spielt offen­bar kei­ne Rol­le. In gro­ßer Deut­lich­keit zeigt er uns sei­ne zur Faust geball­te Hand. Dau­men nach unten – das gilt der Frau neben ihm. Damit drückt er sein Miss­fal­len an ihr aus. Die­ser Ges­tus gerät zu einer star­ken, unmiss­ver­ständ­li­chen Meta­pher für die Unter­drü­ckung der Frau­en, für ver­ba­le und kör­per­li­che Gewalt, die an ihnen nicht nur in den 1970er-Jah­ren ver­übt wur­de. Auch heu­te ver­geht kaum ein Tag, an dem nicht in den Medi­en über Opfer häus­li­cher Gewalt berich­tet wird.

Elfrie­de Traut­ner wur­de in ihrem kur­zen Leben als Künst­le­rin von eini­gen Män­nern sehr bewun­dert und maß­geb­lich geför­dert. Und gera­de sie waren es, die die die ambi­tio­nier­te Gra­fi­ke­rin als geeig­ne­te Men­to­ren für ihre Kunst erach­te­te. Die Jour­na­lis­ten Peter Kraft, Otto Wut­zel oder Wal­ter Bey­er bedach­ten ihre Wer­ke in ihren Zei­tungs­be­rich­ten mit loben­den Wor­ten. Sla­vi Soucek und Adolf Froh­ner unter­rich­te­ten sie an der Salz­bur­ger Som­mer­aka­de­mie. Der Künst­ler Otto Stai­nin­ger war in den 1970er-Jah­ren im Zen­tral­se­kre­ta­ri­at der Sozia­lis­ti­schen Par­tei tätig und führ­te die Gale­rie Jun­ge Genera­ti­on in Wien. Der Pia­nist Hans Peter­man­dl, Begrün­der der OÖ. Stifts­kon­zer­te, war Pro­fes­sor für Musik und dar­stel­len­de Kunst an der Musik­uni­ver­si­tät Wien. Mit bei­den tausch­te sie sich intel­lek­tu­ell über ihre Kunst aus. Die Aus­stel­lungs­ma­cher Peter Baum, ab 1973 Lei­ter der Neu­en Gale­rie der Stadt Linz, und der Gale­rist Wil­helm Kol­ler boten ihr Raum für Aus­stel­lun­gen. Elfrie­de Traut­ner nütz­te die­se wich­ti­gen Kon­tak­te für ihre Kunst, die ihr alles bedeu­te­te. Sie ging pro­ak­tiv auf Män­ner in Macht­po­si­tio­nen zu und fand bes­tes Ein­ver­neh­men mit ihnen. Hin­ge­gen fin­den sich in ihrer Bio­gra­fie kaum Namen von Frau­en. Die ober­ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­le­rin Ros­wi­tha Reichart bil­det hier eine Aus­nah­me: Von ihr stam­men sehr ein­fühl­sa­me Tex­te zum Schaf­fen der Künstlerin. 


Wil­helm Kol­ler ver­ehr­te die Künst­le­rin gera­de­zu. Er war ihr engs­ter Freund und hielt am Grab der im Alter von nur 64 Jah­ren Ver­stor­be­nen eine bewe­gen­de Rede. In einem unver­öf­fent­lich­ten Essay cha­rak­te­ri­sier­te er ihre künst­le­ri­schen Arbei­ten als gra­phi­sche Ideo­gram­me, geheim­nis­vol­le Ver­schlüs­se­lun­gen, Ver­pup­pun­gen, hin­ter denen sich spie­le­ri­sche Erns­te oder trau­ri­ge Humo­re ver­steckt hal­ten. Kalt in der Radie­rung. Nur der Sti­chel vibriert in sen­si­blen oder stren­gen orna­men­ta­len Lini­en­zü­gen und non­fi­gu­ra­ti­ven Geflech­ten. Elfrie­de Traut­ners Kalt­na­del­ra­die­run­gen spü­ren kalt­blü­tig die Fie­ber­kur­ven unse­rer Zeit auf. Sti­mu­lie­ren gleich­zei­tig ästhe­ti­sche Rei­ze aus rea­len Trüm­mer­wel­ten […]“[1]


Elfrie­de Traut­ners umfang­rei­ches Œuvre, das auf etwa 500 Zeich­nun­gen in meist sehr nied­ri­ger Auf­la­ge (bis maxi­mal acht Abzü­ge) geschätzt wer­den kann, ent­stand neben ihrem Büro­all­tag am Bruck­ner­kon­ser­va­to­ri­um. Vor allem in der Nacht arbei­te­te die Künst­le­rin an ihren Gra­fi­ken. Dass Traut­ner nicht in bedeu­ten­den Gra­fik­mu­se­en wie der Alber­ti­na in Wien aus­ge­stellt wur­de, lag ver­mut­lich auch an ihrer Beschei­den­heit. Der gro­ße Durch­bruch gelang ihr trotz ihres Kön­nens und ihrer ein­fluss­rei­chen Kon­tak­te nicht. Sie blieb eine der Stil­len“ des Lan­des. Ihr Werk wird heu­te in meh­re­ren Lin­zer Muse­en und in Pri­vat­be­sitz auf­be­wahrt. Elfrie­de Traut­ner gilt wegen ihrer zeit­kri­ti­schen The­men­stel­lun­gen und der vir­tu­os beherrsch­ten Kalt­na­del­ra­dier­tech­nik als eine der begab­tes­ten Grafikkünstler*innen Öster­reichs der 1970er- und 1980er-Jahre.

Pro­ve­ni­enz

Die Kalt­na­del­ra­die­rung wur­de für die Samm­lung der Neu­en Gale­rie der Stadt Linz, der Vor­gän­ger­in­sti­tu­ti­on des Lentos, im Dezem­ber 1974 von der Künst­le­rin erworben.

Bio­gra­fie

1925:

Elfrie­de Traut­ner wird in Auberg bei Has­lach gebo­ren. Ihre Mut­ter, Anna Traut­ner, war Köchin in Grundl­see, Bad Goi­sern und Bad Rei­chen­hall. Elfrie­de Traut­ner wuchs bei ihren Groß­el­tern auf. Nach der Pflicht­schu­le absol­vier­te sie die Han­dels­schu­le und arbei­te­te als Büro­kraft in der Bezirks­haupt­mann­schaft Rohrbach.


1946:

Über­sied­lung nach Linz, wo sie bis 1949 an der Kunst­ge­wer­be­schu­le von Rudolf Hof­leh­ner und Paul Ikrath unter­rich­tet wird

Spä­te 1940er-Jah­re Traut­ner besucht den Maler und Gra­fi­ker Hanns Kobin­ger am Grundl­see, der sie in ihrer künst­le­ri­schen Betä­ti­gung fördert.


Ab 1950:

Sekre­tä­rin am Lin­zer Bruck­ner­kon­ser­va­to­ri­um (heu­te Anton-Bruckner-Privatuniversität)


Ab 1954:

Gast­hö­re­rin an der Lin­zer Kunst­schu­le bei Alfons Ort­ner und Alfred Billy


Ab 1956:

Die Kalt­na­del­ra­die­rung wird zum wich­tigs­ten Aus­drucks­me­di­um der Künstlerin.


1958, 1959, 1964: 

Teil­nah­me an der Som­mer­aka­de­mie Salz­burg. Besuch von Kur­sen bei Sla­vi Soucek. Aus­ein­an­der­set­zung mit der Tech­nik der Litho­gra­fie und der Abstraktion


1960:

ers­te Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung im OÖ Kunstverein


1961:

Aus­stel­lung in der Lin­zer Gale­rie Kliemstein


1962:

Aus­stel­lung im OÖ Kunst­ver­ein. Traut­ner wird als das künst­le­ri­sche Ereig­nis“[2] der Aus­stel­lung bezeichnet.


1963:

Aus­stel­lung in der Gale­rie Jun­ge Genera­ti­on in Wien


1965:

För­de­rungs­preis des Lan­des OÖ für Bil­den­de Kunst

sowie die Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung der Frau­en rücken nun in den Mit­tel­punkt ihres Schaffens.


1967, 1968:

Aus­stel­lun­gen in der vom Schrift­stel­ler, Regis­seur und Gale­ris­ten Wil­helm Kol­ler geführ­ten Gale­rie forum 67 in der Lin­zer Badgasse


1968 – 73: 

eige­nes Ate­lier im Egon-Hof­mann-Haus im Dörfl in Linz


1968:

Aus­stel­lung in der Gale­rie Spey­er gemein­sam mit Wal­ter Breuer


1969:

Traut­ner nimmt an einem von Adolf Froh­ner gelei­te­ten Kurs an der Salz­bur­ger Som­mer­aka­de­mie teil.

Ein­zel­aus­stel­lung in der Brun­ner Bank in Luzern


1972:

Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung in der Jah­res­aus­stel­lung des OÖ Kunstvereins


1973, 1975:

Teil­nah­me an Maler­klau­su­ren in Maria Trost bei Graz. Traut­ner befasst sich nun mit fern­öst­li­chen Phi­lo­so­phien und Meditationen.


1976:

Aus­stel­lung im Kul­tur­zen­trum bei den Mino­ri­ten in Graz

Mono­gra­fie Ande­re Zei­ten von Kris­ti­an Sotriffer über Elfrie­de Trautner


1978:

Ein­zel­aus­stel­lung in der Gale­rie Hofstöckl, Linz. Die Aus­stel­lung galt als ers­te Retro­spek­ti­ve der Künst­le­rin und wur­de von Peter Baum, damals Direk­tor der Neu­en Gale­rie und spä­te­rer Grün­dungs­di­rek­tor des Lentos Kunst­mu­se­um, eröff­net. Traut­ner zieht sich in ihrem künst­le­ri­schen Schaf­fen zuse­hends in eine inne­re, sen­si­tiv-ver­geis­tig­te Welt zurück. Von den Medi­en wird ihr ein Platz in der Spit­zen­grup­pe der öster­rei­chi­schen Gra­phi­ker“[3] eingeräumt.


1980:

Ver­lei­hung des Professorinnentitels 

Aus­stel­lun­gen im OÖ Kunst­ver­ein und im Wie­ner Künstlerhaus


1983:

Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung bei Künst­le­rin­nen. Öster­reich – 20. Jahr­hun­dert in der Neu­en Gale­rie der Stadt Linz, der Vor­gän­ger­in­sti­tu­ti­on des Lentos


1984:

Teil­nah­me an der Aus­stel­lung Paul Ikrath und sei­ne Schüler im Nordico Stadtmuseum


1987:

Ver­lei­hung des Landeskulturpreises 

Aus­stel­lun­gen im Roma­ni­schen Kel­ler der Stadt Salz­burg und im Lin­zer Ursulinenhof

Ver­lei­hung des Öster­rei­chi­schen Ehren­kreu­zes für Wis­sen­schaft und Kunst


1989:

Elfrie­de Traut­ner stirbt am 26. Novem­ber an den Fol­gen einer Krebserkrankung.



[1] Wil­helm Kol­ler, Aus­zug aus Essays und Kri­ti­ken, maschine­ge­schrie­be­nes Manu­skript aus dem Nach­lass der Künst­le­rin, o. J., S. 1.

[2] Her­bert Lan­ge, Die Damen des OÖ. Kunst­ver­eins“, in: OÖ. Nach­rich­ten, 19.11.1962.

[3] Peter Möse­ne­der, „,Traut­ner total‘ in der Lin­zer Gale­rie im Hofstöckl“, in: OÖ. Nach­rich­ten, Nr. 277, 30.11.1978.

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